Sturmtief auf Schusters Rappen

 

Der nächste Tag brachte eine ziemliche Null an Pferdeunterkünften, nämlich in Conques, das als nächste Station auf dem Plan stand. Ich ließ mich überreden, die Ponys da zu lassen, weil da hätten sie ja Futter und einen Unterstand, und müde wären sie bestimmt auch… Die Aussicht auf keinen Platz in irgendeiner Unterkunft war auch nicht gerade verlockend, als einzige noch offene Herberge war Les Pieds dans l'eau buchbar, aber eben Ponys, nope, Fehlanzeige. Im Buch von Margit Rumpl, die den Weg in 2005 gegangen war mit ihrem Hengst, stand wenig Ermutigendes. Sie wäre damals beim Kloster im steilen Gelände einquartiert worden, besser gesagt, ihr Pferd, und sie im Kloster, und suchte dann noch irgendwo fieberhaft im Ort nach einer Alternative, weil dort gar kein Futter gewesen war und 200 Meter steiler Abgrund. So weit wollte ich es nicht kommen lassen. Conques wollte ich aber doch sehen, alle schrieben so begeistert. Also wollte ich alleine losziehen, und die Dame der GRC Gite wollte mir die Ponys dann am nächsten Tag liefern, im Hänger. Erschien verlockend, die Ponys könnten mal Ruhe haben und ausreichend fressen, das war in der Tat ein bißchen zu kurz gekommen bei den letzten Unterkünften…

Was ich zu spät gecheckt hatte war, dass der Auslauf in dem Sauwetter nicht nur außen gatschig bis zu den Fesseln war, sondern auch im Unterstand war kein trockener Boden, da sahs genauso aus. Nicht genug, der war – von oben nicht sichtbar - nur halb und die anderen Pferde in der zweiten Hälfte machten Maja Angst, so dass sie nichts fressen mochte. Die beiden standen etwas unterhalb im Pissregen und schauten blöd. Ich holte sie mal raus und testete, ob sie Hunger hatten. Saeta offenbar nicht wirklich, die schaute nur, aber Maja haute rein. Da fluchte ich innerlich über meinen Plan, hatte aber auch keinen besseren auf Lager, mußte ja eigentlich los. Ich scannte die Lage am Hof, siehe da, da war ja noch ein Paddock, sogar mit Gras UND einem trockenen Unterstand. Ich klopfte und machte die Lage klar, dass die beiden da nicht bleiben könnten. Wenig begeistert folgte mir der Ehemann in den Regen und versuchte, die Einzäunung zu flicken. Kurz darauf kam die Frau und meinte, da müsse unbedingt Strom drauf. Ahja. (Dann sollte man halt die Bänder nicht unbedingt ums Holz wickeln?) Schwupp, weg waren sie. (Im Trockenen..) Ich war schon wieder am Rumturnen und Zaun reparieren, (meine Kernkompetenz?) holte mein Stromgerät und voilá, dann gings ja doch. Mit einem etwas mulmigen Gefühl zog ich los durch den Regen.

Ich hatte heute vor, nicht die GR65 Route zu gehen, weils an den Vortagen ja so glitschig war, und hatte Gabis bzw. komoot-Kartenvorschlag links daneben bereitwillig genommen, es hatte geheißen, es seien 21 km bis Conques. Irgendwo im Nirgendwo ging dann eine gelbe Markierung den Berg hinunter. Ah, da runter? Ahem,…. Ich betete zum Heiligen Schuhsohlius, er möge bitte alles geben und den Grip von meinen Trailrunnern (die ich immer bei Nässe anziehe, weil sie schneller trocknen) nochmal richtig schärfen, es ging verdammt lang tief nach unten. Mit Pferd, unmöglich. Naja, ich war ja solo unterwegs. Nicht mal die Hagebutten am Wegesrand konnte ich heute teilen. Das Universum hatte mir auch wunderbare Äpfel in den Weg gelegt, die ließ ich gleich vom Magen tragen…

Gottlob, den ersten Abstieg gut runtergekommen. Dann gings entweder auf der Straße oder noch mal durch den Wald. Sollte ich? Ach, den ersten Teil hamma geschafft, da wird’s schon nicht mehr schlimmer werden. Von wegen. Auf einmal stand ich ausgesetzt vor einem Riesen-Steinkreuz auf einem Bergrücken. Vom Weg war nicht wirklich viel zu sehen. Kurzfristig hörte es sogar mal auf zu regnen. Ob sich Gabi da sicher war, dass es einen Weg  gab? Ich ging mal geradeaus, aber das wurde irgendwann zu steil. Links? Auch nicht gut. Kompromiss, im Zickzack nach unten. Dann kam ein Stacheldrahtzaun. Mit den Regencapes nicht unbedingt leicht zu überwinden, aber auch das gelang.  


 

Frischen Mutes und voll Dank an den Schuhsohlius ging ich weiter auf der Straße lang, weit konnte es ja nicht mehr sein? Ah, endlich Zivilisation, ein Dorf, eine Kreuzung, ein Gemüsehändler! Der hatte sogar auf! Sofort den Obstbestand aufgefüllt. Weiter gings, und Gabi meinte, ich wäre am Ziel. Moment, da war ja nix? Zurück zum Obstmann, und ihm den Zettel mit der Unterkunft gezeigt. Daraufhin schaute er mich ganz mitleidig an, das wäre aber noch weit? Die letzte Kundin, mit der er dann sprach, hatte den gleichen Blick drauf, naja, ich muss auch dreingeschaut haben wie fünf Tage Regenwetter. So wars ja auch. Die Kundin hat flugs die Autotür aufgemacht und mich samt der triefnassen Klamotten  ohne Rücksicht auf Verluste zum Ziel gefahren. Ich war im falschen Ort der selben Straße gelandet! Schwerer Fehler… Aber ich wollte nur noch ankommen und die letzten 7 Kilometer waren dann auch noch überwunden. Der Engel des heutigen Tages hieß Stephanie.

Es regnete immer noch und rauschte, ja schüttete es denn soo? Zum Glück war das Rauschen der naheliegende Fluss, Dordou, der durch das viele Wasser ordentlich angeschwollen war. Bei diesen Nebengeräuschen fiel sichs noch leichter in den Schlaf.

Beim Frühstück hatte ich dann noch viel Spaß mit Laure, der Chefin der Gîte, endlich mal jemand, der über meine französischen Wortspiel-Witze lacht, (sie war erst die zweite....) Trotz no English gelang die Kommunikation ganz gut.  Man muss sich nur bemühen...

Anderentags bei Tageslicht betrachtet, sah Conques wirklich aus wie eine aus dem Mittelalter gefallene Stadt, völlig geschützt in den Hang gebaut, sich an diesen anschmiegend, die Jahrhunderte unbeschadet überstanden. Ich sah mir die Umgebung des Klosters an und traute meinen Augen kaum: da waren sicher drei mit Mauern umfriedete grasbewachsene windgeschützte ebene Flächen, mit ein wenig Tageslicht und Überredung wäre das schon gegangen mit den Ponys. Aber durch das Hin und Her … ach egal, am Abend würden sie ja geliefert werden. Zum Glück hatte sich ein Campingplatz gefunden, der noch offen war, UND die Ponys einquartieren wollte.

Ich besuchte die Messe, es war Sonntag. Wirklich schön. Fast ein wenig überausgestattet mit gleich drei Priestern…? Einer zum Singen, einer zum Predigen und einer für den Rest, jeder nach seinem Können? Interessant. Sogar eingesungen wurde vor Messebeginn. Der Singmann tat sein Bestes und gab alles, die Gemeinde mühte sich redlich. Neben mir zückte ein Mann sein Handy, erst dacht ich mir, was soll denn das jetzt, dabei konnte er damit die Lesungen schriftlich mitverfolgen! Church-App oder wie? Lesung mit Untertitel... Was es alles gibt…

 



Ein paar Sonnenstrahlen fielen durchs Kirchenfenster! Juhu! Würde es endlich aufhören mit dem Gepiesel? Nach der Messe mal trockenen Fußes losgestapft, jegliche Wanderwege heute peinlichst genau meidend, hatte ich noch die Messgesänge im Ohr, da stieg es sich im Nu die etlichen Höhenmeter auf der kleinen Straße hinauf. Dann gings an der entlang, und die „gute“ Frau vom Stall rief an, sie kämen am Nachmittag zum Zeltplatz und sie würde mir 100€ für den Transport abknöpfen wollen, wenn ich noch nicht da wäre, dann würde sie das mit dem Campingplatz ausmachen, und der mir das weiterverrechnen. Ich war erbost, eben am Vormittag war noch von 80 die Rede, die ich auch schon recht saftig fand. Aber mein Fehler, ich hatte im Vorfeld nicht vereinbart, was der Spaß kosten würde.­­ Erpressung nenn ich so was.

Leicht schäumend rief ich den Campingplatz an, und die nette Dame meinte, sie fände das auch etwas sonderlich, damit ich auch rechtzeitig da wäre, würde sie einen Abholdienst schicken. Nämlich ihren Mann. Um das richtig ausmachen zu können, hatte ich einen radfahrenden Dolmetscher getroffen am Aussichtspunkt, der auch meiner Meinung war. Dem Engel des heutigen Tages, Christophe, vielen Dank.

Genützt hats mir nix, sie hat die Ponys erst nach vollständiger Ausraubung von Lösegeld rausgerückt, die hundert Euro muss ich als Lehrgeld verbuchen. Fakt, ich lass die Mädels nie wieder alleine. Wenn wir wo nicht weiterkommen, reit ich trotzdem. Irgendwohin, wo sie uns nicht verhungern und verkommen lassen, und wenns nur fünf Kilometer sind. Am Campingplatz machten sich die Damen auch gleich wieder übers Campinggras her, das können sie jetzt richtig gut. Das Heu, das ich teuer bezahlt hatte, fraßen sie mäkelig. Toll war das nämlich auch nicht. Dafür waren sie jetzt gleich nebenan, im Vorgarten des Chalets.

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