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Adieu, Saint Antoine...
Über den Dächern von Lauzerte


Am Abend des Ausreißertages faßte ich den schweren Entschluss, den Rückwärtsgang einzulegen. Ich hatte zwar noch keine Ahnung, wie ich das genau bewerkstelligen sollte, denn beim Losreiten waren noch ein paar Parameter anders gewesen, aber ich war guten Mutes, eine Lösung zu finden, da bisher ja doch immer wieder irgendein Engel mit einer solchen aufgetaucht war.

Am Tag davor war ich noch nach Auvillar geradelt, um meine Bestände aufzustocken. Ich hatte auf die Epicerie, den Tante-Emma-Laden gehofft, der ein schönes Angebot hatte, als ich neulich dort war auf dem Hinweg. Nur leider – es war Montag… Das ist sozusagen der Sonntag in diesem Ort, in vielen anderen vermutlich auch. Alles zu. Nur die Pizzeria, die hatte offen. Nicht das Schlechteste, so ging ich dort meine zweite Pizza vegetariana einverleiben und eine zweite für morgen oder den Abend holen. Als ich die Pizzaschachtel irgendwie auf meinen Rucksack klemmen wollte, bot mir der Inhaber der Pizzeria gleich an, er würde mich nach St. Antoine bringen, damit ich die gute Pizza nicht ruinieren müßte. Das nenne ich mal Berufsethos! Immerhin, verhungern musste ich nicht. Das Kleingeld wurde auch schon knapp und ich wollte zum Automaten, aber auch der hatte Feiertag.

Die letzten beiden Tage hatte ich im Notquartier der Gemeinde zugebracht, in der ich wie ein (hoffentlich guter) Geist im ersten Stock hauste. Die Gemeinderatssitzung fand ohnehin nicht statt. Die allerletzte Notration an Frühstücksflocken wurde am Mittwoch aufgebraucht, ich packte zusammen, und machte mich vormittags wieder auf den Weg, nicht ohne mich auf der Pizzaschachtel nochmals mit lieben Grüßen zu bedanken, es war nämlich keiner da. Diesmal gings in die andere Richtung. Nachdem die beiden sich am Vortag so fit gezeigt hatten, hatte ich da keine Bedenken, es waren nicht mal 10 Kilometer, Packsattel gabs ja auch keinen. In Auvillar traf ich mich mit der netten Wanderreiterin der Vorwoche, und verfrachtete die Mädels in ihren Hänger. So fuhren wir das kurze Stück, das trotzdem seine Zeit beanspruchte, zu ihr nach Hause in den schönen Turm, und immer wieder ist es erstaunlich, wie weit man auf seinen eigenen und geliehenen Füßen und Hufen kommt, wenn man nur Zeit genug hat. Das kleine Eichenwäldchen mit etwas Gras und Heuservice würde den beiden bis zum Wochenende genügen. Dann würde man weitersehen, wie sich die Heimreise organisieren lassen würde.


 

Das Wäldchen stellte sich als größer heraus, als ich die beiden am nächsten Tag zum Randabgrasen herausholen wollte – ich fand sie zunächst nicht! Sie tobten im letzten Eck herum… Na wartet… immerhin geht’s ihnen so gut, dass sie herumrennen wollen. Das ist die beste Nachricht.


 

Weniger gut sah es hingegen bei den Transportmöglichkeiten aus. Mélanie könnte mich wohl ein Stück bringen, aber nicht soo weit, klar. Das Kunststück, die Ponys selbst mit einem Hänger von hier bis ca. Lyon zu fahren, würde nur gelingen, wenn man die Strecke dreimal unter die Räder nähme. Von wo aus beginnend, ist zunächst mal nebensächlich, aber es ist unmöglich, das via internet geregelt zu kriegen. Wenn überhaupt, dann mit lokaler Unterstützung. So kurbelte ich alle möglichen Personen an, die mir dabei helfen könnten, zumindest vielleicht einen Weg einzusparen.

Unter dem Strich siehts so aus: die Männer, die ich dabei gefragt hatte, waren eher nicht zu gebrauchen. Einzig allein Frauenpower kanns. Ob am Weg kennengelernt, ob Profis aus dem Internet, ob von daheim, die einzigen, die wirklich was weiterbringen, sind die Frauen.

Die einen schicken kein Angebot, die anderen geben auf die Frage, ob sie beim Besorgen des Hängergespanns helfen könnten, nicht mal Auskunft, und die anderen haben schlicht bei der Sache übersehen, dass das mehrere Tage sind, die da anfallen, am Stück.

Ich hatte zumindest schon mal die Zusage meiner Freundin, dass sie sich am 8. Dezember für drei Tage würde freispielen können. Schon mal gut. Mein französische Freundin schaffte den Trick, bei den Autoverleihern ein Fahrzeug mit Anhängerkupplung aufzustöbern. Das mit dem Hänger, das war etwas einfacher, da gibt es was im internet. Ich müßte „nur“ noch bis zum Verleihort hinkommen. Sprich, die französische Bahn mal wieder zu testen, mal sehen, was sie diesmal könnte. Dann kam das Angebot, mich zumindest von Lyon aus zu holen, von einer anderen Freundin. Die Dame ist keine 20 mehr, desto mehr freute mich das Angebot. Dann der Knüller: die gute Fee, die mir kurz vor der Grenze zu Frankreich mit Maja geholfen hatte, schlug kurzerhand vor, sie könne mich holen. Was aber nicht ganz sicher war. Und ihrerseits auch ein wenig tricky zu organisieren, mit Diensteinteilung etc.

Egal, die erste Strecke, nämlich eine Distanz von fünf Tagesritten, nahmen wir am Samstag nachmittag mit dem Hänger in Angriff. Das dauert dann mit dem Hänger schon mal eineinhalb Stunden. Ich landete wieder in der superherzlichen Gîte von Dominique und Sylvie, „La Source d Ussac“, gelegen inmitten von kargen Eichenwäldchen, mit Schafen und Schweinen, die frei in ihrem Auslauf bzw. der Wiese herumlaufen dürfen. Einfach schön. Dort wußte ich ja schon mal, dass die Mädels eine große Koppel haben würden. Dann würde man weitersehen.

Kommentare

  1. Hallo Ingrid, ich finde es toll wie du das alles meisterst. Die Berichte sind sehr interessant
    und gut beschrieben. Liebe Grüße Ingrid


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